Auf einem technischen Datenblatt steht oft nur ein kurzes Wort: Vendemmia. Dahinter verbirgt sich keine bloße Kalenderangabe, sondern eine der wichtigsten Entscheidungen des Weinjahres: Wann kommen die Trauben vom Stock?
Die kurze Antwort lautet: Auf Sardinien gibt es keinen einheitlichen Termin für die Weinlese. Bei manchen Vermentino-Weinen beginnt sie bereits Ende August, während Cannonau aus derselben Gegend erst im September gelesen wird. Der genaue Zeitpunkt hängt vom Weinberg, vom Verlauf des Jahres, von der Rebsorte und vom gewünschten Wein ab.
Wann ist Weinlese auf Sardinien?
Der September ist eine gute Orientierung, aber keine feste Regel. Ein anschauliches Beispiel liefern die technischen Daten der Genossenschaft Antichi Poderi di Jerzu: Für einen Vermentino nennt sie die Zeit von Ende August bis Anfang September. Bei mehreren Cannonau-Weinen aus Jerzu findet die Lese dagegen im September oder in dessen zweiter Hälfte statt.
Das bedeutet nicht, dass jeder Vermentino grundsätzlich vor jedem Cannonau geerntet wird. Die Angaben gelten für konkrete Weine und Weinberge. Sie zeigen aber gut, warum sich die Vendemmia auf einer Insel über mehrere Wochen verteilen kann.
Warum werden nicht alle Trauben gleichzeitig reif?
Sardinien besitzt sehr unterschiedliche Weinregionen. Vermentino di Gallura DOCG ist an die Gallura im Nordosten gebunden. Cannonau di Sardegna DOC darf dagegen im gesamten regionalen Gebiet erzeugt werden; zusätzlich gibt es enger gefasste Zonen wie Jerzu, Oliena und Capo Ferrato.
Schon deshalb wäre ein einziger Lesetermin wenig sinnvoll. Rebsorte, Standort, Boden, Klima und die Arbeit im Weinberg beeinflussen die Entwicklung der Trauben. Wer tiefer in diese Vielfalt einsteigen möchte, findet in unserem Beitrag über Sardiniens autochthone Rebsorten den passenden Überblick.
Auch das Ziel des Weins zählt. Ein frischer Weißwein, ein kräftiger Rotwein und ein Wein aus später gelesenen Trauben brauchen nicht automatisch denselben Reifezustand. Die internationale Weinorganisation OIV nennt deshalb ausdrücklich die Lese bei optimaler Reife als Teil einer ausgewogenen Traubenproduktion.
Woran erkennt ein Weingut den richtigen Moment?
Reife bedeutet im Weinberg mehr als „süß genug“. Während der letzten Wochen werden Trauben wiederholt probiert und untersucht. Wichtig sind unter anderem Zucker, Säure und der allgemeine Zustand der Beeren. Bei roten Trauben spielen außerdem Farbe, Gerbstoffe und die Reife von Schalen und Kernen eine Rolle.
Die Frage lautet also nicht nur: Sind die Trauben reif? Sondern: Sind sie für genau diesen Wein reif? Wer zu früh liest, erhält eine andere Balance als bei einer späteren Lese. Wer zu lange wartet, geht wiederum Risiken ein, etwa durch Wetterumschwünge oder überreife Beeren.
Darum können selbst benachbarte Parzellen an unterschiedlichen Tagen gelesen werden. Eine Jahreszahl auf der Flasche fasst diesen ganzen Verlauf später in einer einzigen Angabe zusammen.
Wird auf Sardinien von Hand gelesen?
Auch hier gibt es keine ehrliche Pauschalantwort für die gesamte Insel. Manche Produzenten dokumentieren für einzelne Weine ausdrücklich eine Handlese. Antichi Poderi di Jerzu nennt sie beispielsweise für die oben erwähnten Vermentino- und Cannonau-Weine. Daraus lässt sich aber nicht ableiten, dass jede sardische Traube von Hand geerntet wird.
Nach der Lese zählt ein sorgfältiger und zügiger Umgang mit dem Erntegut. Die OIV empfiehlt, frisch gelesene Trauben möglichst bald und behutsam zu pressen, wenn Most ohne feste Bestandteile gewonnen werden soll. Bleiben Schalen und Most zusammen, können unter anderem Farb-, Gerbstoff- und Aromastoffe aus den Schalen gelöst werden. So beginnt aus der Entscheidung im Weinberg die Arbeit im Keller.
Was hat die Vendemmia mit dem Wein im Glas zu tun?
Der Lesetermin allein ist kein Qualitätssiegel. Er hilft nur, den Stil eines Weins besser zu verstehen. Entscheidend ist immer das Zusammenspiel aus Herkunft, Rebsorte, Reife und Ausbau.
Für einen direkten Vergleich eignen sich zwei sardische Klassiker: Der Aghiloja Vermentino di Gallura Superiore DOCG steht für die weiße Seite der Insel. Mehr zu Herkunft und Bezeichnung erklären wir in unserem Artikel über Vermentino di Gallura DOCG.
Der BIO Mamaioa Rosso Cannonau di Sardegna DOC zeigt die rote Seite. Sein Hersteller empfiehlt ihn unter anderem zu Käse und Fleisch. Für eine sardische Käseplatte findet ihr zusätzliche Orientierung in unserem Beitrag über die Kombination von Wein und Pecorino.
Praktischer Tipp: Vergleiche Frische, Struktur, Frucht und die Wirkung eines Weines zum Essen. So wird verständlich, worum es bei der Vendemmia wirklich geht: nicht um ein Datum, sondern um den passenden Moment für den Wein, der entstehen soll.
Alkohol ist ausschließlich für Erwachsene bestimmt. Bitte genießt verantwortungsvoll.
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